Der Heimatschutzstil und die Reformarchitektur definieren zwei eng miteinander verflochtene Strömungen der frühen Moderne, die sich Anfang des 20. Jahrhunderts aus einer bewussten Abkehr vom spätwilhelminischen Historismus entwickelten.
Beide Ansätze zielten darauf, traditionelle Bauweisen und regionale Identitäten in eine zeitgemäße Formensprache zu überführen, ohne auf verklärende historistische Stilzitate zurückzugreifen. Gemeinsame Merkmale sind der Gebrauch kultur- und regionaltypischer Materialien, handwerklich orientierte Konstruktionen sowie eine reduzierte, klar gegliederte Gestaltung, die historische Bezüge strukturell statt dekorativ einbindet.
Der Heimatschutzstil betonte die Rückbindung an regionale Bautraditionen, die landschaftliche Einbindung von Gebäuden und eine Maßstäblichkeit, die sich an bäuerlich-dörflichen Typologien orientiert. Er stellt zugleich eine Reaktion auf die zunehmende Urbanisierung dar und prägte den betriebseigenen Siedlungs- und Wohnungsbau des frühen 20. Jahrhunderts, der stark von der englischen Gartenstadtbewegung beeinflusst war.
Die Reformarchitektur verfolgte dagegen einen umfassenderen konzeptionellen Anspruch. Sie knüpfte an architekturtheoretische Positionen an, die eine „Aufrichtigkeit“ der Baukunst forderten. Dazu zählte besonders die Klarheit tektonischer Strukturen, materialgerechte Konstruktionen und die konsequente Abkehr von historistischen Stilzitaten aus Schmuckgründen. Charakteristisch sind eine reduzierte Motivsprache und Ornamentik sowie eine strukturelle Orientierung an einfachen geometrischen Formen. Während die Reformarchitektur regionale Traditionen berücksichtigt, vermittelt sie zugleich zu den rationalisierten Entwurfsprinzipien des späteren Neuen Bauens. Sie bildet damit ein zentrales Bindeglied zwischen dem späten Historismus und der frühen Moderne – sowohl theoretisch als auch gestalterisch.
Nach dem Zweiten Weltkrieg verloren beide Strömungen zunehmend an Bedeutung, wirkten jedoch im Wiederaufbau bis in die 1950er Jahre fort. Ihr Erbe ist in zahlreichen Siedlungen des Werkwohnungsbaus, in öffentlichen Gebäuden und in städtebaulichen Ensembles präsent, in denen regionale Identitäten und veränderte Lebenswirklichkeiten durch die Industrialisierung und das städtische Wachstum eng miteinander verwoben sind.
Autor*in: Redaktion baukunst-nrw
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